Die Kalkrücken der Gaume: Dörfer zwischen Stein und Wind
Vom Kalkplateau bis zum versteckten Tal: Diese Hügel der Gaume tragen Dörfer, die eine andere Geschichte erzählen – geprägt von Fels und Zeit.

Die Landschaft der Höhenrücken: Gaume, geformt von Stein
Das Plateau bei Torgny, Latour oder Sommethonne offenbart sich nicht ohne Mühe. Man muss hinaufsteigen, hoch genug, um den Horizont zu erkennen, der von Hecken und Waldrändern zerschnitten ist. Stein tritt hier und da zutage, in Mauern, Fundamenten oder Bauernhäusern. Diese „Kalkrücken“, wie man sie manchmal nennt, bilden eine diskrete, aber klare Wasserscheide zwischen den Tälern zur Semois oder Chiers hin. Ihre Namen verraten schon viel: Bozel, Parette, sogar der Hügel, auf dem die Abtei Orval steht. Eine Geografie, wie sie in ganz Wallonien einzigartig ist.
Dieser Stein – ein über 150 Millionen Jahre altes Jura-Kalkgestein – tritt in Platten und Bänken zutage, manchmal in Schutthalden, wo Thymian und Schlehenbüsche wachsen. Die Dörfer klammern sich an ihn wie Muscheln an Felsen: Torgny auf seinem Hügel, Latour am Eingang des Semoistals, Bozel abseits der Getreidefelder. Es gibt hier keine Berge, aber sanfte Erhebungen, Plateaus, auf denen man tief durchatmet, als liefe man über eine ältere Welt.
Den Pfaden folgen: Zwischen Erinnerung und Einsamkeit
Um ihre Kurven zu erkunden, gibt es keine breiten Wege, sondern Feldpfade, die kurven, hinauf- und hinabsteigen, um umzäunte Äcker führen. Man schreitet sie zu Fuß ab, manchmal auf von alten Ochsen beschrittenen Wegen oder beschattet von jahrhundertealten Eichen und Eschen. Die Markierungen sind spärlich, doch ein Gefühl führt einen: In der Gaume weiß man, dass hinter jedem Aufstieg ein Aussichtspunkt, ein einsamer Bauernhof oder eine mit Efeu bewachsene alte Mauer wartet.
In Parette öffnet sich der Pfad zum gleichnamigen Wald und gewährt – bei klarem Wetter – einen Blick über das Ruette-Plateau und, weiter entfernt, die ersten Hügel Lothringens. Die topografischen Karten zeigen eine unerwartet zerklüftete Landschaft mit moderaten Höhenunterschieden, die Besucher überraschen, die Gaume sonst für flach halten. Diese sanften, aber stetigen Steigungen überraschen Wanderer: eine halb verfallene Steinwindmühle, ein Teich, an dem Schnatterenten planschen, Weiden, die von robusten lokalen Rinderrassen beweidet werden.
Leben auf den Höhenrücken: Wasser, Stein, Feuer
Diese Kalkplateaus, oft trocken im Sommer, haben eine Lebensweise geprägt, in der Wasser kostbar ist. Quellen sind selten, fast heilig, und Hausbrunnen tief in den Felsen gegraben. In Latour trägt das Viertel „du Caillou“ seinen Namen sowohl vom anstehenden Gestein als auch von diesen versteckten Wasservorkommen. Alte Handpumpen, die hier und da zu sehen sind, erzählen von dieser Ökonomie der Knappheit.
Oben haben die Häuser dicke Mauern, Fenster nach Süden ausgerichtet, um selbst im Winter Licht zu fangen. Dächer aus Ziegeln oder Schiefer, manchmal mit Stroh gedeckt, folgen der Neigung, um den vorherrschenden Winden zu trotzen. Und kommt der Herbst, bleiben manchmal Abende, in denen Nebel in den Tälern hängt, während Eichenwipfel noch goldenes Licht halten, bis die Nacht fällt.
Den Gaume-Höhenrücken lauschen
Den Höhenrücken zu lauschen bedeutet auch, den letzten Hütern dieser Orte zuzuhören. Die Alte aus Bozel, gefragt nach dem Namen eines verlassenen Feldes, antwortet oft mit einem wallonischen Flurnamen: „ch’camp à l’Tch’val d’Gille“, „la prairie di l’Rescapée“. Diese Worte stehen auf keiner Karte, doch sie hallen wie ein kollektives Gedächtnis.
Und manchmal, wenn der Wind nachlässt und die Steinmauern ihre Tageshitze abgeben, kann man – wenn man genau hinhört – das Rascheln reifer Ähren unten im Tal vernehmen, einen Rotmilan, der über Sommethonne kreist, oder ganz nah das Summen der Bienen in den letzten blühenden Hecken. Zeichen, dass das Leben hier die Kalkrücken nie ganz verlassen hat.
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