Das Brunftgeschrei des Hirschs in der Gaume: September brüllt unter den Eichen
Mitte September wechseln die Wälder der Gaume ihr Register. Das Brunftgeschrei des Hirschs füllt Täler und Unterholz — eine uralt Stimme, die zum Schweigen und langsamen Gehen einlädt.

Es braucht nur eine Stille. Eine Lichtung im Morgengrauen, der Nebel noch an den Stämmen hängend, und dann steigt die Stimme auf — tief, kehlhaft, aus dem Nichts und von überall zugleich. Der Hirsch brunft. Man hört ihn nicht wirklich: Man spürt, wie er im Brustbein vibriert, in den Fußsohlen, in jenem Teil des Körpers, der noch an die Steinzeit erinnert.
Eine Stimme, älter als die Gaume selbst
Im September wechseln die Wälder der südvorletzten Spitze Belgiens ihr Register. Die Buchenbestände bei Orval, die Eichenhaine entlang der Semois, die Wälder zwischen Florenville und Chiny begnügen sich nicht mehr mit dem üblichen Rascheln der Blätter. Sie brüllen. Die Hirsche — die Zehn-, Zwölf- und Zwanzigherter — schreien ihre Präsenz über die Täler und messen ihre Kraft, um ein angestammtes Revier zu markieren.
Der Ton ist schwer zu beschreiben für jeden, der ihn noch nie gehört hat. Es ist ein Grollen, das in ein Pfeifen übergeht, ein Klagen, das in Splittern zerbricht, ein animalischer Atem, der scheinbar ebenso aus dem Boden kommt wie von den Höhenrücken. Manchmal erheben sich drei, vier Stimmen gleichzeitig, antworten einander, fordern sich heraus. Die ganze Gaume vibriert wie ein Resonanzkörper.
Das ist keine Vorstellung. Das ist eine Jahreszeit. Und diese Jahreszeit trägt einen Namen: die Brunft.
Auf den Wegen, mit offenen Sinnen
Mitte September streift das Licht flach über den Unterwuchs. Die Farne bräunen sich, die Brombeeren werden tief violett, und die Luft trägt einen Duft von feuchter Erde, durchsetzt mit Tannengeruch. In dieser Kulisse lauschen die aufmerksamen Wanderer — jene, die in der Dämmerung oder bei Tagesanbruch unterwegs sind.
Bei Torgny überragen die Weinberge die welligen Hügel, und der Wind trägt die Schallwellen über mehrere Kilometer. In den Wäldern von Bouillon, zwischen der Semois und ihren eingeschnittenen Mäandern, hallen die Hörnerschreie gegen die Felswände wie in einem natürlichen Amphitheater. Weiter südlich, Richtung Étalle und dem nahen Großherzogtum, werden die Buchen zu Kathedralen, und das Brunftgeschrei vervielfacht sich in aufeinanderfolgenden Echos.
An diesen Tagen zu gehen heißt, das Verlangsamen anzunehmen. Stehen bleiben. Die Augen für ein paar Sekunden schließen und dem Gehör den Vorrang vor dem Sehen überlassen. Der Körper stimmt sich ein auf eine Welt, deren Wahrnehmung er beinahe vergessen hat.
Eine Einladung, zu verschwinden
Das Brunftgeschrei gehört niemandem. Es gehört den Wäldern, dem Nachmittagsgesang der Vögel vor der Nacht, den festgetretenen Spuren, die seit Jahrhunderten vom Wild begangen werden. Die Aufgabe in der Gaume bleibt simpel: den Wald seine Saison tun lassen, ohne unseren Lärm aufzuzwingen.
Auf den markierten Wegen bleiben. Motoren aus. Leise gehen, weniger sprechen, mehr lauschen. Der brunftige Hirsch flieht nicht allein aus Überlebensinstinkt vor dem Menschen — er flieht vor dem Aufbrechen, der Jähigkeit, dem Lärm einer Welt, die das Schweigen verlernt hat.
Wer einmal an einem Septembermorgen zwischen den Buchen der Gaume gelauscht hat, vergisst diese Stimme nie. Sie legt sich irgendwo hinter die Rippen, wie ein langer Ton, der nicht verklingen will.
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