La Roche à Sept Heures: Wenn die Semois den Schwindel formt
Südlich von Bouillon windet sich die Semois zu so einem engen Mäander, dass die Sonne sieben Stunden braucht, um unten anzukommen. Man steigt wegen des Schwindels hinauf – und bleibt wegen der Stille.

Man muss die Straße verlassen, den Wagen am kleinen Waldparkplatz abstellen und zwanzig Minuten unter den Buchen bergauf gehen. Der Pfad ist steil, steinig, ehrlich. Und plötzlich öffnet sich der Wald, und man steht auf einem Felsvorsprung über einem fünfzig Meter tiefen Abgrund. Unten glänzt die Semois wie eine Klinge aus Glas, in sich selbst gefaltet. Das ist La Roche à Sept Heures.
Ein Fluss, der sich um die Zeit windet
Die Semois, die auf den Höhen des Ardennenplateaus entspringt, hat eine Spezialität entwickelt: den engen Mäander. Wo andere Flüsse geradeaus laufen, verwindet sich dieser, windet sich, kehrt auf seine eigenen Schritte zurück, als wolle er prüfen, ob er nichts vergessen hat. An La Roche à Sept Heures ist die Einschnürung so eng, dass die Schleife kaum hundertfünfzig Meter Umfang misst. Die Kalkwände, gestreift mit orangefarbenem Flechten und Büscheln aus Steinbrechgewächsen, fallen fast senkrecht ins grüne Wasser.
Es ist kein alpiner Kar, es ist etwas anderes. Es ist ein Trichter aus Grün, geschlossen um einen trägen Fluss. Der Gegensatz zwischen der Weichheit des Wassers und der Härte des Gesteins schwindelt einen. Man bleibt dort, ohne zum Telefon zu greifen, und lauscht den Felsenschwalben, die ihre Bögen knapp über der Wand ziehen.
Die Sonne, die den Tritt verlangsamt
Der Name sagt alles. Genau an dieser Stelle schlägt die Sonne frühestens um sieben Uhr morgens auf den Fels, im Winter oft noch später. Die alten Dorfbewohner erzählten, die Sonne habe sich, erschöpft davon, die Semois im Kreis laufen zu sehen, auf dem Grat eingeschlafen und brauche eine Ewigkeit zum Aufwachen. Eine Uhr brauchte man nicht: Das Licht, das hereinkroch, erhellte erst den Moos am Fuß des Felsens, dann die Farne und schließlich die Spitze. Jedes Flussdorf hatte seine eigenen sieben Stunden.
September: die goldene Stunde über den Schleifen
Mitte September ist das Licht schon tief, golden, schräg. Die Buchen am gegenüberliegenden Ufer beginnen in kupfrigen Tönen anzulaufen, und die Semois-Schleife zeichnet sich in Kupfer und Moos ab. Am Wochenende kommen viele Wanderer, aber an einem Werktagmorgen, wenn nur der Wind und die Krähen Zeugen sind, begreift man, warum die Alten diesen Ort benannt haben, statt seine Einzigartigkeit unbedacht zu lassen.
Man steigt mit steifen Knien und etwas kurzem Atem hinab, mit diesem hartnäckigen Gefühl, zu nahe am Rand der Welt gestanden zu haben. Der Motor springt an, das Dorf rückt näher, die Semois verschwindet hinter den Wipfeln. Aber ihre Schleife bleibt hinter den Lidern eingebrannt.
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