Das Oktober-Brüllen: wenn der Hirsch die Gaume-Buchenwälder erbeben lässt
Ende Oktober hallt in den Kalk-Buchenwäldern der Gaume ein kehliges Brüllen zwischen den Stämmen wider. Der Hirsch schreit, und der Wald antwortet mit Stille.

Es ist sechs Uhr morgens irgendwo zwischen Torgny und der lothringischen Grenze. Nebel haftet am Boden unter den Buchen, eine milchige Decke, durch die kein Vogel dringen kann. Dann, in einer Mulde eines Hohlwegs, steigt ein Laut auf. Tief, heiser, beinahe menschlich. Der Hirsch brunftet, und man spürt zwischen den Rippen, dass die Erde unter dem Laub noch warm ist.
Die Gaume zählt ihre Hirsche nicht. Sie leben dort, wo der Buchenwald sich an den Kalk klammert, auf den südseitigen Hängen, die die Dorfbewohner die tchasse nennen — dieses Land sanfter Kuppen und verkümmerten Buchsbaums. Ende Oktober verlassen sie die Höhenzüge und steigen in die tieferen Wälder ab, wo Quellen noch unter dem Moos hervordringen.
Ein Schrei, der nur den Buchen gehört
Das Brunftschreien ist kein Gebrüll. Es ist ein langer Atemstoß, in drei Noten zerhackt, der sich im Hals bricht wie ein Zweig, den man dreht. Unter dem Buchendach verstreut sich der Schall nicht: Er prallt zurück, kommt von weiter her, teilt sich zwischen zwei glatten Stämmen, die endlos in die Ferne reichen. Die Klanglandschaft der Gaume-Buchenwälder ist einzigartig. Das Laub, bereits fast vollständig gefallen, lässt jede Schwingung durch, ohne sie zu ersticken, und der Kalkstein des Untergrunds spiegelt die tiefen Frequenzen wie eine Kathedrale.
Darum sagten die Alten von Virton oder Florenville, man müsse auf die Höhen steigen, um die Brunft zu vernehmen. Nicht im Tal der Semois — zu feucht, zu sehr mit Nadelbaumklingeln bewachsen, die alles schlucken. Am Hang, zwischen Hainbuchenhecken und gelblich gewordenen Herbstwiesen, trägt der Schrei. Er trägt, bis der Nebel sich hebt und ihn verschlingt.
Das Hinhören, eine alte Gaumer Geste
Es gibt in der Gaume keine touristische «Hirschbeobachtung», wie sie in den zentralen Ardennen üblich ist. Es gibt eine intimere Gewohnheit: hingehen und lauschen. Ein Mann aus Montquintin steht, wenn der Sommer vorbei ist, um fünf Uhr auf. Er schwingt sich aufs Rad oder nimmt den kleinen Weg hinauf nach Sommethonne, und er geht. Kein markierter Pfad, kein Notizbuch, nur seine Stiefel im nassen Laub. Er ist nicht zum Sehen gekommen. Er ist gekommen, damit der Ton seinen Körper durchdringt, bevor der Tag beginnt. Um zu prüfen, sagt er manchmal, ob der Wald noch steht.
Dieses Hinhören braucht keinen Dolmetscher und kein Fernglas. Der Hirsch brüllt zweimal, dreimal, dann schweigt er. Der Nebel reißt in Fetzen. Dann hört man ein Knacken, ein trockenes Husten in der nächsten Mulde. Das ist alles. Man steigt den Hang hinab, schiebt das Rad an. Der Tag kann beginnen.
Ein Herbst, der sich vernehmen lässt
Oktober in der Gaume ist nicht nur eine Frage der Farben. Das Buchenlaub auf dem Boden erzeugt ein gewaltiges Rascheln, ein langsames Flüstern wie eine Brandung, die der Wind in Wellen aufwirft. Der Hirsch schreit über diesem Teppich. Der Nebel hält den Klang wie Wolle die Wärme hält. Und noch einige Wochen — zwischen Allerheiligen und dem zweiten Allerheiligen, denn in der Gaume feiert man zweimal — spricht der Buchenwald mit leiser Stimme. Man muss nur hinaufsteigen, vor der Kaffeezeit, bevor auch die Holzfällerwagen die Höhe erreichen. Man muss nur einen Fuß vor den anderen setzen und dem Hügel lauschen, wie er unter seiner Krone kahler Äste atmet.
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